Teilhabe

Einst, vor mehr als 50 Jahren, war die Zeit, in der ich oft die Nähe von Erwachsenen suchte. Natürlich nur im Hintergrund, am Rande der Kaffeegesellschaften, der Familienfeiern, um zu lauschen, zu hören, von all den Geschichten, Schicksalen und Ereignissen. Ich fand immer beeindruckend, dass Erwachsene allein verantwortlich waren, für das, was sie taten, so glaubte ich zumindest seinerzeit. Dann kam die Zeit des Aufbruchs, meines Erwachsenwerdens, der Bruch mit familiären Ritualen und das Nachaußentragen von gewünschter und gewollter Individualität. Nun brachte mein Leben mit sich, dass ich trotz einiger Schicksalsschläge in die richtige Richtung gefallen bin.

Schon mit 24 Jahren übertrug eine Gemeinde mir ihre Kinder- und Jugendarbeit, und das Verantwortungübernehmen ließ zu, dass ich mich in den einzelnen Phasen meines Lebens profilieren konnte. Ich fühlte mich geliebt, umgeben von Freunden, hatte Perspektive und war stets informiert über die politische Entwicklung in unserem Land. Doch in den Anfängen der 2000er musste ich nach zehnjähriger Projektarbeit in Afrika im Zuge meiner Arbeit im Bereich meiner Einsätze im privaten und dienstlichen Bereich feststellen, dass die Ressourcen nicht mehr die Alten waren. Joggen war kaum noch möglich, weil ich immerzu stolperte. Ich taumelte gelegentlich, so dass Jugendliche fragten, ob ich einen genommen hätte. So entschied ich mich erstmals, im privaten sowie dienstlichen Bereich einen Stock zu benutzen, um nach außen ein Zeichen meiner Behinderung zu setzen.

Zweifellos, ich war krank, hatte eine Behinderung und nach Jahren der Suche kam die Diagnose auf MS – präziser ausgedrückt trug ich seitdem eine primär chronisch progrediente MS mit mir herum. Zwar konnten Menschen meiner Umgebung mit den immer schneller verlaufenden Übergängen – vom Stock zum Rollator, vom Rollator zum Rollstuhl – gut umgehen, doch irgendwann offenbarte sich die Erkenntnis, dass ich so weder im Bereich meiner Arbeitsstätte noch im Privaten allein klarkommen würde.

Außerdem bemerkte ich zunehmend einen Prozess der Vereinzelung. Früher war es oft so, dass Freunde kurz vorbeischauten, anriefen oder Aktionen mit mir vereinbarten. All dies nahm ab und es wurde immer klarer, dass das Handling mit mir für andere stets eine Erschwernis war. Und auch im familiären Bereich entschied ich mich, meine Kinder weniger zu involvieren, aus Angst, sie würden irgendwann nicht mehr kommen, weil ein Kommen ja immer auch mit Arbeit verbunden war. Ein wesentlicher neuralgischer Punkt war erreicht und ich konnte mir lang keine Perspektiven mehr vorstellen. Klar war nur, ein Pflegezentrum oder ein betreutes Wohnen in meinem Alter, in meiner Arbeitssituation, sollte so nicht sein. Zum Glück gibt es Freunde, die gelegentlich Impulse setzen können. Ein guter Freund, auch behindert, unterstützte mich in Kooperation mit meinem Arbeitgeber, eine Arbeitsassistenz über das Recht zur Teilhabe (§1, §2 SGB 9) beim LWL zu erwirken. Zum Verständnis: einen Menschen, der mich während meines Einsatzes begleitet und mir Sachen anreicht und ermöglicht, die ich allein nicht mehr bewerkstelligen kann.

Wie es so ist, wenn etwas sehr positiv verläuft, erwachte alsbald auch der Wunsch, diese Struktur auf den privaten Bereich auszudehnen. Der LWL verschaffte mir neben der Arbeitsassistenz auch eine Privatassistenz. Und mit dieser Umsetzung auch im Privaten, bin ich nun wieder ein Mensch mit Teilhabe geworden. Teilhabe am kulturellen Leben meiner kleinen Stadt, Teilhabe bezüglich privater Veranstaltungen, Kunst, Politik und Teilhabe am Leben. Jetzt, Juli 2020, ist dank meiner vielen Assistentinnen und Assistenten wieder eine Form von Leichtigkeit in mein Leben getreten. Ich bin nach wie vor ein selbstbestimmter Mensch, der selbstbestimmt ins Leben tritt – oder soll ich besser sagen – ins Leben geschoben wird? Ich bin glücklich. Zwar behindert… na und?!

Bernd Rammler, 19.07.2020