Vorstellungsgespräch für die Stelle Behindertenassistenz

Ich klingele an der Tür. Ich wusste nicht, was ich so recht zu erwarten habe oder was ich erwarten soll. Vielleicht war das doch etwas unüberlegt sich hierfür zu bewerben… Eine Freundin hat mich auf diese Stelle aufmerksam gemacht und ich beschloss, dem einfach mal eine Chance zu geben. Im Endeffekt habe ich überhaupt keine Ahnung von Behinderten, Rollstühlen oder Sonstigem. Zu selten sieht man sie, weder in der Öffentlichkeit, auf der Straße oder beim Einkaufen. Sogar beim Arzt im Wartezimmer bin ich noch keinem über’n Weg gelaufen (oder gerollt – sagt man das so?) Irgendwie komisch – wo sind die denn alle? Eine Frau öffnet mir die Tür, stellt sich kurz vor und bittet mich rein. Am Ende des Flurs rollt plötzlich ein älterer Herr rückwärts aus einem Zimmer (raus). Er ruft fröhlich und voller guter Laune und hebt die Hand zu einem Peace Zeichen. Er trägt eine Cap, eine Augenklappe und strahlt mich sympathisch an. Zum Gespräch setzen wir uns raus in den Garten, wobei er ja theoretisch schon die ganze Zeit sitzt. Ich fragte mich insgeheim, ob es nicht langweilig ist, die ganze Zeit auf ein und dem selben „Stuhl“ zu sitzen. Getraut hab ich mich aber nicht zu fragen.

Wir unterhalten uns anregend, er erzählt von sich und dem Leben im Rollstuhl und schildert mir, was dieser Job mit sich bringt und was meine Aufgaben sind. Ich bin überrascht, wie offen er mit mir über seine Behinderung spricht und wie unkompliziert das Miteinander ist. Ein bisschen hat man das Gefühl, einem Freund gegenüber zu sitzen und nicht einem Fremden und zugleich seinem potenziellen Arbeitgeber. Trotz meiner Unerfahrenheit all dem gegenüber, will er mir eine Chance geben und so fing ich kurze Zeit danach an, bei ihm zu arbeiten. Der Beginn einer Erfahrung in meinem Leben, dessen Erkenntnis mir nicht bewusst war. Als ich Freunden und Familie von meinem neuen Job erzählte, waren alle zuerst etwas verwirrt. Sie wussten nicht genau, was sie mit dieser Tätigkeit anfangen sollten, und verbanden dies direkt mit der klassischen Pflegekraft in diesem Bereich.

„Musst du ihn duschen und anziehen?“ Einige aber waren auch positiv überrascht und wussten gar nicht, dass es für so eine Tätigkeit einen Job gibt. Die meisten dachten, dass es Familienangehörige übernehmen und oder Ehepartner. Eine Freundin sprach mir gegenüber sogar Bewunderung aus, dass ich so eine Nebentätigkeit ausführen würde. „Respekt, dass du dich traust, so was zu machen. Ich glaube das ist bestimmt nicht einfach, wenn man mit jemanden im Rollstuhl zu tun hat“. Jeder hatte eine Meinung und doch hat niemand von ihnen wirklich etwas mit jemanden im Rollstuhl zu tun gehabt. „Das Leben macht doch überhaupt keinen Sinn mehr im Rollstuhl, was machen sie den ganzen Tag?“ Während ich ihnen erklärte, was dieser Job eigentlich ist, erkannte ich, wie wichtig diese Arbeit eigentlich war – Ich bin quasi die Arme und Beine dieser Person und helfe, diese Person so gut wie möglich, am alltäglichen Leben teilhaben zu lassen und in die Gesellschaft einzugliedern. Ob es nun das Einkaufen ist, oder das Fahren von A nach B, zu treffen mit Freunden oder auch einfach mal eine Freizeitaktivität – ich bin die Person, die dies ermöglichen soll. Manchmal beschreibe ich meine Tätigkeit wie die aus der französischen Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ nur weniger glamourös. In der Tat gibt es Ähnlichkeiten – Ich schreibe nur leider keine romantischen Liebesbriefe, sondern tippe fleißig Gedanken, Anliegen oder bürokratische Angelegenheiten, die mir diktiert werden.

Als Behindertenassistenz ist der Einblick den man in das Leben eines anderen erlangt recht groß. Es gehört schon eine Menge Vertrauen dazu, sonst wäre das Zusammenarbeiten kaum möglich. Man lernt in sehr kurzer Zeit sehr viel über die persönlichen Vorlieben oder aber Abneigungen dieser Person kennen. Ich wusste nicht, dass es eine Vorliebe dafür gibt, wie das Abendbrot geschnitten werden soll – diagonal oder vertikal zur Brotkruste? Aber auch Dinge wie die Lieblingskaffeemarke, die Menge an Kohlrabi und Tomate die in einer Woche verzehrt werden, das Poloshirt mit dem Kragen hoch oder runter getragen – sind alles Dinge, die plötzlich relevant werden. Dann erlebt man auch mal Tage, an denen Spezialbesorgungen gefragt sind.

Ich hatte die Ehre, Gartenschlauchzubehör ausfindig zu machen, etwas ganz Spezielles sogar – so dass mir wirklich ein Team von Mitarbeitern helfen musste, um das möglich zu machen. Bei so was fragt man sich dann, was macht ein Rollifahrer mit so etwas…? Jede Eigenart macht den Menschen gegenüber vertrauter und umso normaler. So normal, dass man vergisst, dass dieser Jemand doch behindert ist. Denn im Endeffekt ändert es nicht die Tatsache, dass sich eine Freundschaft daraus formen kann. Natürlich gibt es auch mal Tage, da liegt es einem auf der Zuge zu sagen „Mach es doch selber“. Mach dein Bett doch selber, bring den Müll selbst raus – es sind Dinge, für die man jemanden ohne offensichtliche Behinderung, blöd anmachen würde. Doch auch im selben Moment realisiert man – es geht nicht anders. Man schämt sich einen kurzen Moment. Wie selbstverständlich man doch bestimmte Dinge von anderen erwartet und wie ungewöhnlich es einem dann erscheint, wenn es jemand nicht kann. Alltägliche Geschehnisse, die man von Kindheit auf beigebracht bekommen hat und die in dieser Gesellschaft zu einer Normalität gezählt werden, gelten im Leben eines Behinderten nicht.

Denn diese Normalität definiert nicht den Menschen hinter all dem, sondern beschreibt eine Erwartungshaltung die von einigen einfach nicht erfüllt werden kann. Dies sollte man respektieren, akzeptieren und dem entgegenarbeiten. Denn auch das Kennenlernen von Menschen ohne „sichtbare“ Behinderung, hat mir gezeigt, dass das Problem in dieser Gesellschaft liegt. Die Aussage: „Wir Rollstuhlfahrer haben es mit unserer Behinderung leichter, die sieht man zumindest“ kriegt eine komplett andere Bedeutung, wenn man über den Tellerrand hinaus blickt. Meine Zeit als Assistentin war eine emotionale Achterbahnfahrt und eine Erfahrung im Leben, bei der ich nicht wusste, dass ich sie so dringend machen musste. Ich hatte die Möglichkeit unglaublich anregende Gespräche zu führen, Vorurteile abzulegen, Rollstuhl zu fahren, zu lachen, zu zweifeln, Mitleid zu haben, aber mich auch glücklich schätzen zu können, diesen Einblick erhalten zu haben.

Ich wurde auf Themen aufmerksam gemacht, über die man nie nachgedacht, hatte und habe für mich realisiert, wie wichtig es ist, andere über all das zu informieren und aufmerksam zu machen. Für jemanden, der zu Beginn dieser Nebentätigkeit nichts über Behinderte und Rollstühle wusste, beendet die Tätigkeit als Assistentin mit einem erweiterten Horizont und einem neuen Freund. Danke für alles, jeden Witz den du erzählt hast, deine Geduld mir gegenüber und die Möglichkeit das alles kennenzulernen.

Unverhofft positive Lebenserfahrungen einer Studentin im Nebenjob